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Es gibt Stadte, die verlieren. Und es gibt Stadte, die ausgeloscht werden - deren Namen aus den Karten gestrichen, deren Tempel eingeebnet, deren Erinnerung systematisch aus dem kollektiven Gedachtnis der Nachwelt entfernt werden. Karthago gehort zur zweiten Kategorie. Was von ihm geblieben ist, wurde durch das Urteil des Siegers uberliefert: fragmentarisch, verzerrt, in einem Spiegel, der nur reflektiert, was Rom zeigen wollte. Dabei war Karthago keine Barbarenstadt am Rand der Zivilisation. Es war ein Handelsstaat von bemerkenswerter Komplexitat - ein phonizisches Netzwerk, das die westliche Mittelmeerwelt mit einem Geflecht aus Kolonien, Handelsrouten und diplomatischen Abhangigkeiten uberzogen hatte, lange bevor Rom wusste, was eine Flotte ist. Karthagos Macht lag nicht in Legionen, sondern in Logistik: in der Beherrschung des Seewegs von Sizilien nach Spanien, in der Kontrolle der Silberminen des Iberischen Gebirges, in einem kaufmannischen Staatsgedanken, der Krieg als Instrument der Wirtschaftspolitik verstand, nicht als Selbstzweck. Was Hannibal in den Jahren zwischen 218 und 202 v. Chr. unternahm, war der letzte Versuch, dieses System zu retten - nicht durch Verhandlung, sondern durch eine militarische Logik, die Rom auf eigenem Boden zwingen sollte, seine Grenzen anzuerkennen. Cannae war nicht nur eine Niederlage. Es war eine Demutigung, die in Roms kollektivem Gedachtnis wie ein Splitter sitzen blieb.