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Erzahlen ist eine Alltagspraxis und zugleich eine Praxis, in der Alltag (re-)produziert wird. Denn das Erzahlen im Alltag hat selten das wirklich Auergewohnliche und Unerhorte zum Gegenstand. In der Regel dreht es sich um Gewohnliches, um die banalen Routinen, die sich lediglich in Nuancen von einem Tag zum nachsten unterscheiden. Wir nutzen das Erzahlen nicht nur, um neuartige Erfahrungen kognitiv zu verarbeiten; wir brauchen es auch als ein Instrument der Interaktion, als Moglichkeit, den Gegenuber am eigenen Leben teilhaben zu lassen und die Alltagswelt so als eine intersubjektiv geteilte Welt zu konstituieren. Das Erzahlte ist dann allein deshalb erzahlwurdig, weil wir es erzahlen mochten.So gro zugig das Kriterium der tellability im alltaglichen Erzahlen aus diesem Grund ausgelegt werden kann, so verbindlich scheint es im literarischen und fiktionalen Erzahlen. Dort erwarten wir als Rezipient*innen gemeinhin das Nichtalltagliche, wollen durch uberraschende Plot-Twists und ungewohnliche Verwicklungen unterhalten werden. Der Alltag als Gegenstand musste hier eigentlich die Ausnahme sein, allerdings kommt haufig gerade der Darstellung des Gewohnlichen im fiktionalen Erzahlen eine wichtige Funktion zu, etwa um im Sinne eines Realitatseffekts die Bewohnbarkeit der Erzahlwelt oder die Authentizitat des Erzahlten auszuweisen. Ebenso konnen Erzahlungen Rezeptionserwartungen kalkuliert unterlaufen, um die Aufmerksamkeit explizit auf die Strukturen der Alltagswelt zu lenken.Der Sammelband setzt sich das Ziel, das komplexe Verhaltnis von Erzahlen und Alltag aus unterschiedlichen disziplinaren Perspektiven zu erhellen. Er will die narrativen Dimensionen des Gewohnlichen sowohl in der Praxis der Alltagserzahlung als auch im Hinblick auf literarisch-fiktionale Erzahltexte beleuchten. Willkommen sind neben literarhistorischen Fallstudien zur narrativen Dimension des Gewohnlichen im Hinblick auf Einzeltexte, Autoren, Genres, Epochen etc. insb. Beitrage, die auch systematische oder theoretische Fragen fokussieren.
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